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Ayla lässt sich durch ihre Epilepsie nicht beirren

8. August 2010

Bielefeld-Bethel. Als Kind kletterte Ayla Holthöfer gerne auf Bäume. Manchmal, wenn sie gerade oben war, verspürte sie plötzlich eine „Aura“, eine besondere Sinneswahrnehmung, die einen epileptischen Anfall ankündigt. Dann kehrte sie schnell auf den sicheren Boden zurück, bekam den Anfall und spielte danach mit den Freunden weiter, als sei nichts gewesen. Mit derselben Unbekümmertheit hat sie bis heute ihr Leben gemeistert. Jetzt heißt es für die 25-Jährige „auf zu neuen Ufern“. Am 10. August wechselt sie von Bielefeld nach Berlin.

„Hier habe ich meine Familie und meinen Freundeskreis, aber dort habe ich die Chance, mich weiterzuentwickeln“, sagt Ayla Holthöfer, und die Vorfreude ist ihr anzumerken. „Es ist alles geregelt, jetzt kann es losgehen!“ Wohnen wird die junge Frau, die neben der Epilepsie eine halbseitige Spastik hat, zunächst zur Zwischenmiete in einem Apartmenthaus. Ihren Arbeitsplatz in der Hauptstadt hat sie sich selbst gesucht: Im Hotel Grenzfall im Berliner Stadtteil Wedding leitet sie ab Mitte August als Assistentin der Hausdame das Personal auf den Etagen an, kontrolliert die Arbeit der Zimmermädchen und Reinigungskräfte und organisiert die benötigten Materialien. „Bei Bedarf werde ich aber auch an der Rezeption und im Restaurant oder im Museumsbistro aushelfen.“ Auf letzteres freut sich die Bielefelderin aus dem Stadtteil Theesen besonders. Das Bistro im Hotel Grenzfall hat einen direkten Zugang zum Dokumentationszentrum der Gedenkstätte Berliner Mauer. „Das wird spannend, weil es dort viele internationale Gäste gibt.“

Aber nicht nur wegen der illustren Nachbarschaft ist das Berliner Hotel ein besonderes. Es gehört zum Embrace-Verbund, einer bundesweiten Kooperation von integrativen Hotels, in denen junge Menschen mit Behinderung ausgebildet und beschäftigt werden. Auch Ayla Holthöfer wurde in einem solchen Hotel – im „Lindenhof“ in Bethel – zunächst zur Helferin im Gastgewerbe und dann aufgrund ihrer guten Leistungen zur Hotelfachfrau ausgebildet. „Im Nachhinein betrachtet, war die Ausbildung dort großartig“, lobt Ayla Holthöfer. Während der Ausbildung aber sei es schon eine Herausforderung gewesen. „Der Leiter des Hotels hat unseren Ehrgeiz angestachelt und aus uns alles herausgekitzelt, was ging.“ Für Ayla Holthöfer war diese berufliche Förderung das Beste, was ihr passieren konnte. Hotelleiter Jürgen Simon bezeichnet sie darum auch als ihren „Mentor“ und den Lindenhof als ihre „berufliche Heimat“.

Bevor Ayla Holthöfer ihre Ausbildung begann, absolvierte sie ein Freiwilliges Soziales Jahr in Münster. Davor besuchte sie die Gesamtschule im Stadtteil Schildesche und machte dort den Hauptschulabschluss. „Ich hatte keine Lust mehr, weiter zur Schule zu gehen, aber in der Berufsschule hat mir das Lernen dann wieder Spaß gemacht. Da wollte ich die Ausbildung schaffen und wusste, wofür ich lerne!“ Ihre Lehrerin im Kerschensteiner Berufskolleg in Bethel, Angelika Kettmann, sei „klasse“ gewesen.

Nach einem vorübergehenden Einsatz in einem anderen Hotel kehrte sie in den Lindenhof zurück; allerdings nur für eine halbjährige Anschlussbeschäftigung, eine reguläre Stelle war nicht frei. „Daraufhin habe ich mich beim Betheler Integrationsfachdienst erkundigt und einen Arbeitsplatz im Café ‚Laib und Seele’ vermittelt bekommen“, erzählt Ayla Holthöfer. Das Café „Laib und Seele“ ist ein gemeinsames Integrationsunternehmen des Betheler Stiftungsbereichs proWerk und der Bielefelder Bäckerei Rolf in Gadderbaum. Die Arbeit in der Bäckerei sei nicht artfremd gewesen, jetzt aber will die rührige junge Frau doch zurück zu ihren beruflichen Wurzeln. Dass sie die Chance hat, in dem Bereich zu arbeiten, in dem sie gerne tätig sein möchte, und das ausgerechnet auch noch in Berlin, ist für die kunst- und theaterbegeisterte Hotelfachfrau ein doppelter Glücksfall. „Ich mag meine Heimat sehr, aber ich möchte auch noch viel Neues erleben!

Bis zum 20. Lebensjahr bekam Ayla Holthöfer zwei bis drei Mal im Monat einen epileptischen Anfall. Seit fünf Jahren ist sie aufgrund der medikamentösen Behandlung im Betheler Epilepsie-Zentrum anfallsfrei. Dank ihrer engagierten Eltern und dem offenen Umgang mit ihrer Krankheit habe sie mit der Epilepsie nie wirklich Probleme gehabt. „Sie gehört zu mir, ich habe sie immer gehabt, und ich lebe dadurch bewusster“, so Ayla Holthöfer. „Es gibt Einschränkungen, aber eine wilde Jugend und durchgefeierte Nächte vermisse ich nicht. Die Dinge, die mir Spaß machen, kann ich trotzdem tun, zum Beispiel reisen, schwimmen gehen, das Theater besuchen oder malen.“ Im Internet hat sie Gleichgesinnte gefunden, die so wie sie trotz ihrer Erkrankung mitten im Leben stehen. Mit ihnen trifft sie sich inzwischen einmal im Jahr in Bethel. Ein Thema, das sie alle bewegt, ist die Integration. „Dass Menschen mit und ohne Behinderung zusammenleben und arbeiten, ist mir eine Herzensangelegenheit“, betont die Bielefelderin. „Es ist wichtig, dass die Integration funktioniert, dass es integrative Schulen wie meine Gesamtschule gibt und Betriebe wie das Betheler Café oder die Embrace-Hotels!“

Quelle: Bielefeld Direkt vom 8. August 2010

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